| |
Die Idee, dass Landwirte ihre Felder gemeinschaftlich bewirtschaften ist nicht neu. Zahlreiche Formen von Kooperationen haben sich in den vergangenen Jahren entwickelt. In Oberschwaben haben Landwirte jedoch erstmals mit Hilfe eines satellitengestützten Ortungssystems (Global Positioning System, GPS) virtuell ihre Felder zusammengelegt, um Betriebskosten und Arbeitszeit zu sparen. „Virtuelle Flurbereinigung Riedhausen GbR“ firmiert ihr Unternehmen. Initiator, Geschäftsführer und Vorstand ist der Landwirtschaftsmeister Harald Gasser, der einen Betrieb mit Ackerbau und Schweinezucht führt. Die Juroren beurteilten dieses System als wegweisend für die Landwirtschaft in Süddeutschland. Der Grundgedanke leitet sich vom Ziel einer jeden Flurneuordnung ab, wonach Flurstücke zusammengelegt oder umgeformt werden, um die Produktions- und Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Aus diesem Grund haben die beteiligten Landwirte die Methode auch als „virtuelle Flurbereinigung“ bezeichnet. Die Idee dazu wurde 1996 geboren. Bei der Vorführung eines Mähdreschers, der mit einem Navigationssystem ausgerüstet war, stellten Harald Gasser und der Landmaschinenhändler Lorenz Riegger fest, dass die Maschine auf den relativ kleinen Feldern der Gemarkung Riedhausen nur in der Hälfte ihrer Einsatzzeit auch tatsächlich Getreide drosch. Wendemanöver, vielmaliges Entleeren des Korntanks am Feldrand und die Fahrten zu den verstreut liegenden Schlägen waren die Ursache. Bei diesen Verhältnissen hätte der Mähdrescher lediglich eine effektive Druschleistung von 200 Hektar im Jahr erreicht; in den neuen Bundesländern beispielsweise, wo die Felder im Durchschnitt um ein Vielfaches größer sind, wäre mit der gleichen Maschine eine Druschleistung von jährlich 800 Hektar zu erzielen.
Wie auch in anderen Teilen Baden-Württembergs ist die Feldstruktur in der Region Oberschwaben aufgrund der jahrzehntelang angewandten Realteilung stark zersplittert. Hohe Maschinenkosten und ein relativ großer Zeitaufwand sind die Folgen. Harald Gasser hat nach der Übernahme des elterlichen Betriebes im Jahr 1984 versucht, über den Tausch von Flächen die Parzellen zu vergrößern. „Das war bis zu einem bestimmen Grad auch möglich, jedoch waren die Tauschpartner meist der Meinung, dass der eigene Acker besser wäre, als der von mir zum Tausch angebotene“, erklärte er. Schon die Väter der heutigen Landwirte hatten versucht ein Flurneuordnungsverfahren zu beantragen, unter den Grundstückseigentümern hatte sich jedoch nie eine Mehrheit gefunden.
Mit der „virtuellen Flurbereinigung“ haben Harald Gasser und 11 weitere Landwirte aus Riedhausen die Probleme gelöst. Das Navigationssystem ermöglicht, über Schlaggrenzen hinweg zu dreschen, den Ertrag jedoch dem jeweiligen Bewirtschafter parzellengenau zuzuordnen, woraus sich eine weitaus bessere Auslastung der Maschinen ergibt. Im Jahr 2000 gründeten sie die „Virtuelle Flurbereinigung Riedhausen GbR“ mit zunächst 180 Hektar. Sie legten ihre alten Schlepper, Geräte und Maschinen still und investierten in einen neuen Maschinenpark. Harald Gasser hat beispielsweise den Düngerstreuer und den Überladewagen aus dem insgesamt zehnteiligen Maschinenpark angeschafft. Heute bewirtschaften die beteiligten Landwirte gemeinsam 220 Hektar. Im Grunde wenden sie das Prinzip der Gewannebewirtschaftung an, wobei die GPS-Technologie beim Düngerstreuen und beim Dreschen genutzt wird. Es werden jedoch alle Arbeitsgänge über die GbR abgerechnet. Am Beispiel des Gewannes „Kirchstaig“ mit einer Fläche von 22 Hektar erläutert Harald Gasser die positiven Folgen. Dieses Gewann umfasst über 40 Parzellen, die Länge der Grenzstreifen beträgt insgesamt 14 km. Die gemeinschaftliche Bewirtschaftung über die Grenzen hinweg hat einen Mehrertrag von durchschnittlich 10 % erbracht – herkömmlich sind die Feldränder oft nur unzureichend bearbeitet und bepflanzt und die Kulturen leiden durch Bodenver-dichtungen infolge des häufigen Wendens – und eine Arbeitszeitersparnis von 60 % bewirkt. Verringert wurde auch der Dünge- und Pflanzenschutzmittelaufwand. Harald Gasser zählt weitere Vorteile des Systems auf. Die höhere Effizienz erlaubt die Anschaffung schlagkräftiger umweltschonender Maschinen und Geräte, die dem Stand der Technik entsprechen. Die GbR erzielt durch den gemeinsamen Einkauf von Betriebsmitteln größere Rabatte und durch die gemeinsame Vermarktung der Erzeugnisse höhere Erlöse. Gemeinschaftlich werden die Fruchtfolgen und die Bewirtschaftungsverfahren besprochen und geplant. Die Beteiligten vertreten sich im Falle von Krankheit oder Urlaub. Alle haben zudem mehr Zeit für die Familie, für Hobbys oder auch, um sich anderen Betriebszweigen sorgfältiger zu widmen oder um außerlandwirtschaftliche Einkommensmöglichkeiten zu erschließen.
Die „Virtuelle Flurbereinigung Riedhausen GbR“ ist bundesweit einzigartig. Sie wurde wissenschaftlich von der Fachhochschule Nürtingen begleitet und als Modell-projekt vom baden-württembergischen Ministerium Ländlicher Raum gefördert. Auf Messen, in Seminare des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirt-schaft (KTBL), bei Maschinenringen, in Fachschulen sowie durch Medienberichte hat die Initiative bereits große Aufmerksamkeit erreicht. |