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In Baden-Württemberg hat die Direktvermarktung traditionell eine große Bedeutung. Nach der jüngsten baden-württembergischen Agrarstrukturerhebung (2007) erzielen landesweit rund 5700 Betriebe Einkünfte aus dem Direktverkauf. Bezogen auf die Zahl der Betriebe wäre das jeder zehnte. Im Mai 2009 haben die Landwirtin Petra Schittenhelm (40) und die Floristin Brigitte Höfler (37) in Dietingen im Kreis Rottweil eine bemerkenswerte Initiative gestartet. Dietingen ist der Hauptort einer insgesamt 3800 zählenden Kommune mit vier weiteren Ortschaften. Die beiden Schwestern haben das nicht mehr genutzte frühere landwirtschaftliche Anwesen der Familie Höfler im Dietinger Ortskern in eine Drehscheibe für regionale Erzeugnisse verwandelt; in den Jahren 1982 bis 1986 war der Produktionsbetrieb ausgesiedelt. An fünf Tagen in der Woche bieten sie Obst, Gemüse, Holzofenbrot sowie Wurst, Speck und Käse, Eier, Nudeln, Öle, Kräuter, Gelees und Marmeladen, aber auch würzige Brotaufstriche, Schnäpse und Liköre und vieles mehr in einem Hofladen zum Kauf an und gleichermaßen Zubereitungen davon in einer Gaststube mit 50 Plätzen zum Verzehr, die als „Schlemmerscheune“ bezeichnet für sich spricht. Wurstwaren, Fleisch und Speck stammen aus der Schweinehaltung der Familie Schittenhelm. Sie bewirtschaftet einen 140 Hektar großen Betrieb mit Ackerbau, Grünlandwirtschaft und Schweinemast. Alle anderen Produkte werden von 20 weiteren Kooperationspartnern aus der Umgebung bezogen. Wein von einem Privatweingut in Stuttgart.
Der Hofladen führt rund 150 verschiedene Erzeugnisse, die Speisenkarte etwa 30 Möglichkeiten sich verwöhnen zu lassen, wobei das reguläre Angebot der Scheune sich nach der Jahreszeit richtet und durch besondere Aktionen bereichert wird. Beispielsweise gibt es das ganze Jahr durch an bestimmten Tagen, aber auch auf Bestellung, ein besonders reichhaltiges Frühstücksangebot, das so genannte „Bauernhoffrühstück“. Es versteht sich von selbst, dass es auch selbst gebackene Kuchen und Torten gibt.
Gerne heißen Petra Schittenhelm und Brigitte Höfler Vereine, Gruppen und Familien zu Festen und Feiern in ihrer Schlemmerscheune willkommen und bieten ihren Gästen auch Hofführungen an. Hin und wieder treten Mundartinterpreten in der auf, demnächst wird eine Märchenerzählerin ihre Kunst zeigen. Neben der Vielfalt, Frische und Qualität der landwirtschaftlichen Erzeugnisse präsentiert Brigitte Höfler im Hofladen und auch in der Schlemmerscheune die Ergebnisse ihres kreativen Schaffens als Floristin. Auch sie ist Meisterin ihres Fachs und hat wesentlich dazu beigetragen, die Gaststube zu einem Wohlfühlort und den Hofladen zu einem Schmuckstück zu machen, wobei Kunden und Gäste ihre Kreationen auch erwerben können. Auf sich aufmerksam machen die beiden Unternehmerinnen mit einer Internetseite, Werbeflyern und –anzeigen in lokalen Medien. Im Zentrum ihrer Botschaft steht der Slogan „Frische (s) vom Land – natürlich“, den sie zusammen mit Amapola Schneider aus Villingen-Schwenningen entwickelt haben. Schneider ist Feng-Shui-Beraterin und hat ihre Handschrift auch in der Einrichtung von Laden und Gaststätte hinterlassen.
Landesweit gibt es ungezählte Hofläden, Bauerncafés, -schänken und -gaststätten. Der intensive Wettbewerb unter den Betrieben hat eine stetig wachsende Professionalisierung bewirkt, wonach die Anbieter ihre Sortimente ausweiten, ihre Läden und Gasträume mit hochwertigem Inventar ausstatten, die Platzierung der Produkte überlegen, den Kunden und Gästen eine intensive Verbraucherberatung anbieten und ebenso wie Petra Schittenhelm und Brigitte Höfler auch ein systematisches Marketing betreiben. Das Besondere am Dietinger Genießerhof ist die Verbindung zweier beruflicher Professionen, deren Wirkungen sich dem Auge und dem Gaumen einprägen. Wer in der Schlemmerscheune einkehrt und die Angebote aus der Küche genossen hat, kann die Zutaten der Rezepturen gleich einkaufen, und zwar erntefrisch und garantiert aus regionaler Erzeugung, bekommt dazu Tipps für die Zubereitung und Ideen für die Raum- und Tischdekoration daheim.
Die Professionalität, die sich auf dem Genießerhof ausdrückt, kommt nicht von ungefähr. Petra Schittenhelm ist Landwirtschaftsmeisterin und hat 2000 zusammen mit ihrem Mann Jörg (42), der als Landwirt und Kaufmann ausgebildet ist, den Betrieb ihrer Eltern übernommen. Sie ist Beisitzerin im Landwirtschaftsgericht Rottweil, das als Zweig des Amtsgerichts beispielsweise Hofübergabeverträge genehmigt oder über Erb- und Aufteilungsauseinandersetzungen entscheidet. Seit 2002 gehört sie dem Meisterprüfungsausschuss und der Anerkennungskommission für Ausbildungsbetriebe im Fach Landwirtschaft des Regierungspräsidiums Freiburg an. Sie hat sich im Fachgebiet Agrarinformatik qualifiziert und besucht seit fünf Jahren fortlaufende Weiterbildungen im Rahmen der Bauern- und Unternehmerschulung (BUS) der Andreas Hermes Akademie und der Bauernverbände. Dazu kommen langjährige Erfahrungen als Aushilfe im Service von Gaststätten.
Brigitte Höfler hat 2001 die Meisterprüfung in ihrem Beruf abgelegt und ist seitdem bei dem renommierten Unternehmen Blumen Schreiber in Stuttgart beschäftigt. 2001 hat sie unter 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei der Internationalen Pflanzenmesse in Essen den vierten Rang bei einem Wettbewerb erzielt. 2004 trat sie in der SWR-Fernsehsendung „Grünzeug“ auf.
Die Idee, gemeinsam einen Direktvermarktungsbetrieb zu starten, kam vor drei Jahren auf. „Mit dem neuen Unternehmen erschließen wir Wertschöpfungspotenziale und erweitern die Einkommensmöglichkeiten“, erklärt Petra Schittenhelm. Abgesehen davon wollen sie und ihre Schwestern einen Beitrag dazu leisten, Verbraucher vom Wert regional erzeugter Nahrungsmittel zu überzeugen. Die beiden haben eine Gbr gegründet, sind gleichberechtigte Gesellschafterinnen und haben gemeinsam in den Umbau, die Sanierung und Neueinrichtung des elterlichen Bauernhofes investiert. Beschäftigt sind ein Koch sowie geringfügig entlohnte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch helfen die Angehörigen mit.
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